Hinweis: Dieser Text verwendet die Tonnamen C, D, E, F, G, A, B, C.
Die „Balancierte Stimmung“ ist mein Versuch verschiedene musikalische Intervalle so zu stimmen, dass eine größere Vielfalt nahezu ganzzahliger Frequenzverhältnisse entsteht.
Betrachten wir einen Dominantseptakkord in Grundstellung, z.B. mit den Tönen C, E, G und B♭, dann finden wir folgende Intervalle vor: Zwischen C und E eine große Terz, zwischen C und G eine Quinte, zwischen C und B♭ eine kleine Septime, zwischen E und G sowie zwischen G und B♭ jeweils kleine Terzen, die beide zusammen eine verminderte Quinte zwischen E und B♭ bilden. Stimmt man die die Terzen und damit auch die (nicht-verminderte) Quinte rein, d.h. mit Frequenzverhältnissen von 5:4 für die große und 6:5 für die kleine Terz, so ergibt sich fuer die zwischen E und B♭ liegende verminderte Quinte ein Frequenzverhältnis von (6:5)² = 36:25. Wohlklingender wäre an dieser Stelle allerdings die Umkehrung von Huygens' Tritonus
Interessanterweise kann man durch Kombination mehrerer der bisher festgelegten Intervalle eine sehr große Anzahl weiterer Intervalle bilden, die ebenfalls mit sehr guter Näherung ganzzahligen Verhältnissen entsprechen:
| Intervall | Bildung durch | Berechnung | Cent | Fehler |
|---|---|---|---|---|
| Prime | Frequenzverhältnis 1:1 |
|
0 | ±0.0 |
| kleine Sekunde (−) | Quarte abzüglich großer Terz |
= (8:9)·cbrt(12:7) ≈ 16:15 |
107 | −4.6 |
| kleine Sekunde (+) | eine Quinte und zwei kleine Terzen abzüglich einer Oktave |
= (3:4)·cbrt(12:7)² ≈ 14:13 | 124 | −4.3 |
| große Sekunde (−) | Quarte und große Sexte abzüglich einer Oktave |
= (4:3)·cbrt(7:12) ≈ 10:9 |
187 | +4.6 |
| große Sekunde (+) | zwei Quinten abzüglich einer Oktave |
= 9:8 |
204 | ±0.0 |
| übermäßige Sekunde | drei große Sexten abzüglich zwei Oktaven |
= 7:6 |
267(!) | ±0.0 |
| verminderte Terz | eine kleine Sexte und zwei kleine Terzen abzüglich einer Oktave |
= 8:7 |
231(!) | ±0.0 |
| kleine Terz | festgelegt |
≈ 6:5 |
311 | −4.6 |
| große Terz | Quinte abzüglich kleiner Terz |
= (3:2)·cbrt(7:12) ≈ 5:4 |
391 | +4.6 |
| übermäßige Terz | eine Quarte und vier große Sexten abzüglich drei Oktaven |
(14:9)·cbrt(7:12) ≈ 13:10 |
454(!) | −0.3 |
| verminderte Quarte (−) | zwei kleine Sexten abzüglich einer Oktave |
= (8:9)·cbrt(12:7)² ≈ 14:11 |
418(!) | +0.7 |
| verminderte Quarte (+) | eine Quinte und drei kleine Terzen abzüglich einer Oktave |
= 9:7 |
435(!) | ±0.0 |
| Quarte | Oktave abzüglich Quinte |
= 4:3 |
498 | ±0.0 |
| übermäßige Quarte (Tritonus) | zwei große Sexten abzüglich einer Oktave |
= 2·cbrt(7:12)² ≈ 7:5 |
578 | -4.6 |
| verminderte Quinte | Oktave abzüglich übermäßiger Quarte |
= cbrt(12:7)² ≈ 10:7 |
622 | +4.6 |
| Quinte | festgelegt |
|
702 | ±0.0 |
| übermäßige Quinte (−) | Oktave abzüglich verminderter Quarte (+) |
= 14:9 |
765(!) | ±0.0 |
| übermäßige Quinte (+) | Oktave abzüglich verminderter Quarte (−) |
= (9:4)·cbrt(7:12)² ≈ 11:7 |
782(!) | −0.7 |
| verminderte Sexte | Oktave abzüglich übermäßiger Terz |
= (9:7)·cbrt(12:7) ≈ 20:13 |
746(!) | +0.3 |
| kleine Sexte | Oktave abzüglich großer Terz |
= (4:3)·cbrt(12:7) ≈ 8:5 |
809 | −4.6 |
| große Sexte | Oktave abzüglich kleiner Terz |
= 2·cbrt(7:12) ≈ 5:3 |
889 | +4.6 |
| übermäßige Sexte (Naturseptime) | Oktave abzüglich verminderter Terz |
|
969(!) | ±0.0 |
| verminderte Septime | Oktave abzüglich übermäßiger Sekunde |
= 12:7 |
933(!) | ±0.0 |
| kleine Septime (−) | Oktave abzüglich großer Sekunde (+) |
= 16:9 |
996 | ±0.0 |
| kleine Septime (+) | Oktave abzüglich großer Sekunde (−) |
= (3:2)·cbrt(12:7) ≈ 9:5 |
1013 | −4.6 |
| große Septime (−) | Oktave abzüglich kleiner Sekunde (+) |
= (8:3)·cbrt(7:12)² ≈ 13:7 |
1076 | +4.3 |
| große Septime (+) | Oktave abzüglich kleiner Sekunde (−) |
= (9:4)·cbrt(7:12) ≈ 15:8 |
1093 | +4.6 |
| Oktave | Frequenzverhältnis 2:1 |
|
1200 | ±0.0 |
Einige Intervalle kommen in zwei Varianten vor, von denen die größere mit (+) und die kleinere mit (−) gekennzeichnet sind. Sie unterscheiden sich stets um das sogenannte „syntonische Komma“, welches im Falle reiner Quinten und Terzen einem Verhältnis von 81:80 entspricht. Im Falle der Balancierten Stimmung ist das Verhältnis jedoch
Da alle Intervalle in obenstehender Liste abgesehen von der Oktave ausschließlich auf die Quinte und die kleine Terz zurückzuführen sind, kann man zur besseren Übersicht alle Intervalle in einem 2-dimensionalen Gitter anordnen. Die Quinte wird als ein Schritt nach rechts, die Quarte als ein Schritt nach links, die kleine Terz als ein Schritt nach unten, und die große Sexte als ein Schritt nach oben dargestellt. Oktaven werden nach Notwendigkeit hinzugefügt. Exemplarisch wurden in untenstehender Tabelle die Tonbezeichnungen ausgehend von C dargestellt.
|
übermäßige Terz 13:10 E♯ |
||||
|
übermäßige Quinte (−) 14:9 G♯ |
übermäßige Sekunde 7:6 D♯ |
übermäßige Sexte 7:4 A♯ |
||
|
große Septime (−) 13:7 B |
übermäßige Quarte 7:5 F♯ |
übermäßige Quinte (+) 11:7 G♯ | ||
|
große Sekunde (−) 10:9 D |
große Sexte 5:3 A |
große Terz 5:4 E |
große Septime (+) 15:8 B |
|
|
kleine Septime (−) 16:9 B♭ |
Quarte 4:3 F |
Prime 1:1 C |
Quinte 3:2 G |
große Sekunde (+) 9:8 D |
|
kleine Sekunde (−) 16:15 D♭ |
kleine Sexte 8:5 A♭ |
kleine Terz 6:5 E♭ |
kleine Septime (+) 9:5 B♭ |
|
|
verminderte Quarte (−) 14:11 F♭ |
verminderte Quinte 10:7 G♭ |
kleine Sekunde (+) 14:13 D♭ |
||
|
verminderte Terz 8:7 E♭♭ |
verminderte Septime 12:7 B♭♭ |
verminderte Quarte (+) 9:7 F♭ |
||
|
verminderte Sexte 20:13 A♭♭ |
Mit Hilfe dieser Darstellung läßt sich einfacher erkennen, welche Intervalle zueinander passen: Zu einem Dur-Akkord (z.B. in obiger Darstellung C-Dur), passt z.B. die übermäßige Sexte vom Grundton: Von E nach A♯ geht man im Raster zwei Schritte nach oben. Dies entspricht (von der Prime aus betrachtet) einer übermäßigen Quarte. Von G nach A♯ geht man drei Schritte nach oben, entsprechend einer übermäßigen Sekunde. Als Beispiel für ein nicht zum C-Dur Akkord passenden Ton kann man die verminderte Quinte vom Grundton aus nehmen (G♭). Von G nach G♭ sind es nämlich zwei Schritte nach unten sowie einer nach rechts. Von der Prime aus betrachtet landet man, wenn man die selben Schritte nachvollzieht auf einem leeren Feld, was bedeutet, dass zwischen G und G♭ kein in obenstehender Intervallliste vorkommendes Intervall entsteht.
Dieses Hilfsmittel kann man dafür verwenden, eine erweiterte auf C-Dur basierte Tonleiter zu erzeugen. Es ergeben sich folgende Töne: C, D♭, D, D♯, E, F, F♯, G, A♭, A, A♯, B♭, B und C; wobei für D♭, D, B♭ und B die (+)-Varianten der kleinen und großen Sekunden und Septimen vom Grundton aus zu verwenden sind. Diese aus 13 Schritten bestehende Tonleiter steht in einem herunterladbarem Soundfile zum anhören bereit.
Die Menge an Tönen bzw. Intervallen schränken die Verwendungsfähigkeit der „Balancierten Stimmung“ auf einem Musikinstrument wie dem Klavier erheblich ein; je Oktave werden wesentlich mehr Tasten benötigt, als es auf einem Klavier der Fall ist. Dennoch könnte die Balancierte Stimmung für mikrotonale elektronische Musik von Interesse sein.